Vier Standpunkte.
1. Ich liebe Musik. Sie beglückt. Bringt mich zum Weinen. Zum Nachdenken.
Seitdem ich denken kann, begleitet mich Musik in allen Lebenslagen. Emu und Musik – das gibt es eigentlich nur im Doppelpack. Von der ersten (zugegebenermaßen extrem peinlichen) Maxi-CD bis hin zum 500. iTunes-Download habe ich deshalb auch eine recht umfangreiche Musikbibliothek aufgebaut.
Und doch beschleicht mich seit einiger Zeit ein ungutes Gefühl, wenn ich mich durch die gigabyte große Sammlung wühle. Viele Alben haben für mich an Relevanz verloren. Gekauft aus einer Laune oder Mode heraus; wenig gehört und schließlich vergessen. Klar gibt es die “Klassiker” – jene Lieder, die immer wieder herausgekramt werden und auch über die Jahre nichts von ihrer Brillianz einbüßen. Aber wie viele sind das schon, verglichen mit den Unmengen an kurzlebigen Tracks, die sich auf meiner Festplatte tummeln?
Es ist bittere Wahrheit: 90% meiner Musikbibliothek ist tot oder befindet sich in einem sehr ausgedehntem Winterschlaf.
2. Ich liebe das Internet. Es vernetzt mich mit Freunden in aller Welt. Es eröffnet unzählige neue Möglichkeiten. Und zerstört ebenso viele alte. Etwa die Musikindustrie der Offline-Zeit.
Seit Jahren schon tobt im Netz der Kampf zwischen den großen Major-Lables und den unzähligen Menschen, die sich ihre Musik illegal herunterladen. Nachdem der x-te Kopierschutz umgangen und die millionste DRM-Maßnahme geknackt wurde, gibt die schillernde Industrie von damals ein hauptsächlich abgekämpftes Bild ab. Wirkliche Ideen, wie Musik im 21. Jahrhundert gehandelt werden kann, hat keiner der Verantwortlichen der Lables. So darf in diesem Zusammenhang auch eines nicht vergessen werden: Das erste funktionierende, massentaugliche und profitable Musikgeschäft im Internet wurde von einem Computerhersteller entwickelt und umgesetzt. Der Respekt für die 8,5 Milliarden verkaufte Lieder im iTunes-Music-Store geht einzig und allein auf das Konto von Apple, weil sie es geschafft haben eine ansprechende, faire (vor allem im Bezug auf DRM) und simple Lösung zu präsentieren.
Doch obwohl Apples Ansatz gut ist, löst er dennoch nicht mein Problem: Anhäufung von totem Musikballast.
3. Ich liebe Bücher. Sie eröffnen neue Gedankenwelten. Bringen mich zum Lachen. Sie stellen manchmal auch meine Lebenskonzepte auf den Kopf. Eines dieser Bücher ist “Access” von Jeremy Rifkin. Es trägt den schlaghammerartigen Untertitel “Das Verschwinden des Eigentums”. Rifkin sagt:
“In 25 Jahren wird ein Großteil der Unternehmen und Konsumenten Eigentum wahrscheinlich für altmodisch halten. Es ist eine zu langsame Institution in einer Welt, die immer schnelllebiger wird, in der auch das kulturelle Leben im Takt von Nanosekunden pulsiert.”
Gerade in diesem Pulsieren liegt das Hauptproblem: (Pop-)Musik ist eben auch zu einem großen Teil Mode. Gut für die eine Saison und bald schon unverzichtbar für eine Bad-Taste-Party. Wäre es also nicht toll, einfach nur “Zugang” (“Zugriff”/”Access”) zu der Musik zu haben, die ich JETZT gerade brauche? Ohne 40 GB toter Musik auf meiner Festplatte?
Anscheinend bin ich nicht der einzige, dem das so geht. Eine neue Studie zeigt, dass illegale Downloads dramatisch einbrechen – zugunsten gestreamter Musik. Weg vom Musikballast hin zur federleichten Musik aus der Wolke.
4. Ich liebe meine Wolke. Seit nun schon ein paar Monaten heißt sie Spotify und ich bin mehr als zufrieden. Ich könnte jetzt Stunden damit zubringen über das clevere User Interface, die tolle Qualität, den unglaublich großen Katalog, die Sharingmöglichkeiten, die Killer-iPhone-App und und und schreiben, doch hier soll es mehr um das Prinzip als solches gehen. Und das hätte sich Herr Rifkin wahrlich nicht besser ausdenken können:
Kurze Werbeunterbrechungen oder eine monatliche Gebühr von knapp zehn Euro ermöglichen mir den Zugriff auf (gefühlt) alle Musik der Welt. Meine Musik jetzt. Ohne Schnickschnack. Und vor allem: Keine toten Musikreste auf meiner Festplatte. Das ist für mich Musik 2.0. Wenn Apple mit iTunes seine Position behaupten will, sollten sie sich schnell überlegen, ob sie nicht doch noch ein ähnliches Modell anbieten wollen. Denn wie Rifkin sagt:
“In einer Ökonomie, deren einzige Konstante der Wandel ist, macht es wenig Sinn, bleibende Werte anzuhäufen.”
Und für welche Ökonomie gilt das wohl mehr, als die der alljährlichen Sommerhits?
Ja, der Musikdienst Spotify ist wirklich der Hammer, aber leider in Deutschland noch nicht offiziell verfügbar.
Stimmt. Zumindest war er nur kurzfristig verfügbar. Soweit ich das mitbekommen habe, gab es da wohl Streitigkeiten, die den Deutschlandstart offiziell verhindert haben. Aber was ja noch nicht ist, kann ja noch werden
Denn was die Zukunft der Musikdistribution betrifft, scheint mir das eines der besten Konzepte zu sein.
Ich will auch zu Spotify….:)
@Lotte: Hab ja jetzt auch gut Werbung gemacht
Es wäre interessant zu wissen, wie viele der FakeGuru-Leser einen Spotify-Account haben. Dann könnte man vielleicht eine FakeGuru-Playlist machen, an der alle Leser mitarbeiten können. Was meint ihr?
Das sagt ja vielleicht auch so manches über deinen Musikgeschmack/deine Hörgewohnheiten aus. Klar gibt es viel schnelllebige Popmusik, aber es gibt doch auch meiner Meinung nach Klassiker (wie in der Literatur z.B. Goethe’s “Faust” immer gelesen werden wird, so werden auch die Beatles immer gehört werden). Und das sind nicht nur ein paar wenige (weder in der Musik noch in der Literaur), sondern mehr als man jemals hören oder lesen kann. Deshalb versuche ich persönlich auch sowohl was Musik, als auch was Literatur angeht mich an die Klassiker zu halten (klar ist das nur ein Ideal, das der Realität nicht immer standhält) derer es mehr gibt als ich jemals “konsumieren” können werde und bei denen mir die beschränkte Erdenzeit wertvoller investiert scheint. Ich weiß ich bin, wie ich in letzter Zeit immer öfter feststellen muss, in vielen Dingen eher konservativ gepolt – und ich stehe dazu. Nimm es nicht persönlich, nur so als Denkanregung.
P.S. Man kann doch Streams auch von last.fm oder youtube (und tausend andere dienste) kriegen, oder? was bietet spotify, was die nicht bieten? Abgesehen davon bin ich dir sehr dankbar über die Existenz von Sotify nun unterrichtet zu sein.
@Max: Das sagt ganz sicher etwas über meine Hörgewohnheiten aus. Und ich gebe dir auch völlig recht: Vermutlich werde ich nie die Zeit haben, alle wirklichen “Klassiker” (und das fängt ja schon viel viel früher an, als bei den Beatles) zu hören. Ich glaube nur, dass man in einem wichtigen Punkt unterscheiden muss: Zwischen der Kunstform “Musik” und der Unterhaltungsform “Musik”.
Das bewusste rezipieren von Musik im selben Sinne, wie ich mir etwa ein Gemälde in einer Ausstellung ansehe, passiert relativ selten. Weil es eben wirkliche Konzentration erfordert. Weil ich bereit sein muss, mich auf etwas völlig Neues einzulassen. Und weil genau dann die Gefahr besteht, dass es “etwas mit mir macht”.
Im Alltag will ich aber häufig einfach nur “Unterhaltung”. Ich sehe darin auch nichts furchtbar negatives – immerhin ist ja auch ein Großteil (moderner) Musik (und ganz sicher nicht nur der Pop-Musik) genau darauf hin konzipiert. Warum sonst fällt es mir so leicht, Musik einfach im Hintergrund vor sich hin dudeln zu lassen? Und gerade diese Unterhaltungsmusik muss ich nicht besitzen. Dafür ist sie tatsächlich zu schnelllebig; zu austauschbar.
Ich unterscheide da halt nicht. Musik, die ich hören will, sollte schon eine gewisse künstlerische Relevanz besitze, egal ob sie der Hochkultur oder der Popkultur zuzurechnen ist. Aber du hast schon Recht, wahrscheinlich habe ich den Schritt (keine Musik mehr besitzen – bzw. keine außer der mir wirklich wichtigen) einfach schon früher vollzogen. Alle CDs (du siehst wie konservativ ich bin, aber immerhin sind es keine LPs mehr), die ich mir mal gekauft habe, höre ich mir immer noch an, wobei ich einschränkend hinzufügen muss, dass ein paar Ausmistungen stattfanden und die auch in meinem Fall peinliche erste Maxi nicht mehr in meinem Regal steht. Ansonsten höre ich viel über streams und vielleicht ist ja Spotify auch was für mich. Aber irgendwie funktioniert’s ja nicht und ‘ne Einladung habe ich auch nicht. Mmhh…
Ja, es gibt da einen kleinen Workaround, mit dem man Spotify immerhin 14 Tage in Deutschland benutzen kann (siehe hier: http://www.aptgetupdate.de/2009/08/26/spotify-eine-zusammenfassung/ ). Allerdings war in den letzten Tagen der Ansturm so groß, dass Anmeldungen auch in UK wieder eine Einladung von einem anderen Nutzer voraussetzen (ich hab leider auch keine). Aber es dauert bestimmt nicht mehr lange, bis wir das Ding auch offiziell in Deutschland haben.
Ansonsten glaube ich, dass unsere Ansätze gar nicht so weit auseinanderliegen. Nur dass das Ausmisten bei mir gerade erst begonnen hat
i like – willst du einer meiner interviewpartner sein?
Klar – Interview hört sich immer gut an. Schreib mir doch einfach noch einmal eine Mail mit den Details
[...] Vor einigen Wochen argumentierte ich in einem Artikel hier auf FakeGuru, warum ich Musikbesitz in Form von gespeicherten mp3s für ein überholtes Modell [...]
[...] ist der von Jeremy Rifkin prophezeite Wechsel von Eigentum hin zu “Access” (der sich, wie hier schon an anderer Stelle dargelegt, u.a. in Diensten wie etwa Spotify manifestiert). Sobald ich zukünftig ‘Besitz’ [...]