Eva Bolza-Schünemann studiert an der Jacobs University in Bremen. Diesen Sommer verbrachte sie im zentralamerikanischen Honduras und arbeitete für UNICEF. Eigentlich. Denn dann kam der Militärputsch dazwischen.

Als ich Mitte Juni nach Tegucigalpa in Honduras aufbrach, um ein Praktikum bei UNICEF zu machen, wagte ich nicht zu träumen, dass ich in eine politischen Krise geraten würde. Fünf Tage nach meiner Ankunft wurde der Präsident gestürzt und ich verbrachte zwei Monate inmitten einer Revolution. Die Vorstellung ein Praktikum bei UNICEF in Honduras zu machen fand ich eigentlich aufregend genug, aber die politische Krise ließ die Zeit noch spannender werden!
Da ich vor drei Jahren bereits als Volontärin für ein Jahr in Tegucigalpa lebte, wünschte ich mir schon lange, dorthin zurückzukehren und die lieb gewonnenen Freunde wiederzusehen.
Das Büro von UNICEF Honduras, in dem etwas mehr als 40 Angestellte arbeiten, ist im Casa de las Naciones Unidas (Haus der Vereinten Nationen) untergebracht. Dort gibt es unter anderem Abteilungen für Bildung, Gesundheit und Katastropheneinsätze. Ich arbeitete in der Abteilung für Comunicaciones (Kommunikation). Eines der größten Projekte sind die „Comunicadores Infantiles“ (Kinderkorrespondenten) – eine Gruppe von etwas 70 Kindern, die abwechselnd wöchentlich ein Fernsehprogramm aufnehmen. „TVC Infantil“ informiert über aktuelle Probleme, Projekte von UNICEF oder die Rechte der Kinder (Ausschnitte davon gibt es auch auf YouTube zu sehen). Ich durfte die Kindergruppe begleiten, was viel Spaß gemacht hat – auch wenn wir manchmal Stunden damit verbracht haben, um eine Sequenz von ein paar Minuten aufzunehmen.
Mein eigentliches Projekt jedoch war das Programa Municipales de Infancia, Adolescencia y Juventud/ COMVIDA (Comunicación y Vida). Die Aufgaben von COMVIDA bestehen darin, Kinder über HIV/AIDS und andere Gesundheitsrisiken aufzuklären und dazu Aktionstage in Schulen zu veranstalten. Das Büro von COMVIDA ist im Gebäude der Stadtverwaltung untergebracht. Denn obwohl die Projekte von UNICEF finanziert werden, kümmert sich die Stadt um die Bezahlung der Angestellten. Wir waren normalerweise zu viert und ich würde behaupten, dass wir vier noch am effizientesten von allen in der Stadtverwaltung gearbeitet haben. Auch wenn Beamte der Stadtverwaltung selbst in Deutschland keinen so guten Ruf genießen – in Honduras läuft alles noch zehnmal langsamer ab. Wegen der politischen Instabilität im Land wurden jedoch alle staatlichen Schulen für mindestens vier Wochen geschlossen und die Schulkampangen konnten somit nicht stattfinden.
Am Morgen des 28. Juni besetzte das Militär die Residenz des Präsidenten Zelaya und deportierte ihn nach Costa Rica. Keinen Tag später wurde das Land von einem selbst ernannten und international nicht anerkannten De-facto-Regime beherrscht, finanziert durch die Oberschicht und gestützt durch das Militär. Fast jeden Tag gab es Demonstrationen für oder gegen die neue “Interim-Regierung“, gegen die das Militär und die Polizei mit Repression und Einschüchterung vorging. Die Verteidiger der Demokratie hatten sich inzwischen zu einem breiten Bündnis zusammengeschlossen, der „Frente Nacional contra el Golpe de Estado“. Ich durfte mich dort nicht blicken lassen; nicht weil ich Ausländerin war, sondern weil ich mich als Praktikantin einer internationalen Organisation keiner Seite anschließen durfte.
Die Angestellten des Bürgermeisteramtes wurden jedoch sogar dazu gezwungen, die neue Regierung zu unterstützten, damit der Rest der Welt glaubt, die Regierung sei legitimiert. Die Märsche führten zu einem noch größeren Verkehrschaos als üblich, die meisten staatlichen Firmen und Regierungsgebäude wurden von Militär bewacht, die Straßen, Mauern und Gebäude waren voll von Sprüchen und Graffiti-Karikaturen und abends wurde eine Ausgangsperre verhängt. Jeder der sich nach dem sogenannten “toque de queda” auf die Straße begab wurde ohne Verhandlung von der Polizei ins Gefängnis gebracht – unter diesem Vorwand ließen sich natürlich auch wunderbar politische Gegner verhaften. CNN oder internationale Nachrichten wurden zensiert, die Zeitungen berichteten recht lückenhaft und die Menschen waren verständlicherweise nervös und unsicher. Zweimal versuchte der (Ex-)Präsident vergeblich nach Honduras einzureisen – wir sahen ihn in einem venezolanischen Flugzeug über der Stadt kreisen. Allerdings wurde der Flughafen vom Militär gesperrt.
Ich schweife nur zu gern von meinem eigentlichen Praktikum zu der politischen Krise ab – aber genau diese hat meinen Aufenthalt dort so aufregend gemacht. Es war einfach faszinierend mitzuerleben, wie ein sonst etwas verschlafenes Völkchen plötzlich wachgerüttelt wird und auf die Straßen geht; wie ein Präsident eine Nation spalten kann; wie viel Macht er hat und wie leicht er den Zugang zu Fetznetztelefon, Fernsehen, Internet und Radio sperren lassen kann; und wie schwierig die Vermittlung zwischen den beiden honduranischen Präsidenten ist (immerhin versuchte der Costaricanische Präsident und Friedens-Nobelpreisträger verzweifelt zu vermitteln, scheiterte jedoch und erkrankte auch noch an der Schweinegrippe).
Jedoch zurück zu meiner eigentlichen Arbeit. Dadurch, dass die Schulen geschlossen waren, beschäftigte ich mich mit vielen anderen Dingen. Ich las Kindern in einem Kindergarten Bücher vor und half beim Sortieren von über 700 Kisten Kleiderspenden aus Taiwan und China. Zusammen mit Straftätern, die ihre “Sozialstunden” abarbeiten mussten, bastelte ich jede Menge Piñatas für den Día del Niño (Kindertag) im September. Außerdem wirkte ich bei einem Seminar zur “Katastrophenhilfe und der Verwaltung von Flüchtlingshäusern” mit, geleitet von der IOM – der “International Organization of Migration”.
Da mein Chef eigentlich Zahnarzt ist, nahm er mich einen Sonntag mit seiner “Brigada de medicos” mit. Wir fuhren in ein wirklich armes kleines Dorf ohne Wasser- und Stromanschluss, Arbeitsmöglichkeiten, ohne Tante-Emma Laden, Telefonsignal geschweige denn einem Arzt. Ich notierte die Namen der Patienten, während mein Chef über 30 Weißheitszähne auf kleinen Schulbänken zogen.
Die Fragen zu meinen Aufgaben beim Praktikum und meine eindringlichsten Erfahrungen habe ich hiermit hoffentlich ausreichend beantwortet – nun fehlen nur noch meine Tipps für Euch! Vermeiden sollte man auf jeden Fall, zu oft von der Polizei angehalten zu werden. Außerdem sollte man Straßenkindern kein Geld geben, sondern ihnen lieber etwas zu Essen kaufen. Und natürlich ist deutsche Schokolade bei Freunden und Gastgeschwistern immer gerne gesehen!
Was ich allerdings wärmstens empfehlen kann, ist Reisen! Wegen der vielen Militärkontrollen und Ausgangssperren konnte ich leider nicht so oft reisen wie geplant. Meine wenigen Ausflüge verbrachte ich allerdings am liebsten mit einheimischen Freunden. Sie haben überall Bekannte oder Familien bei denen wir übernachten konnten. Eine gute Möglichkeit, mehr über Land und Leute zu erfahren (mehr als es in einem Hostel nur unter Europäern möglich ist). Weiterhin kann ich empfehlen, alles auf den Märkten zu probieren – die frischen Papayas, Mangos, Ananas. Redet unbedingt auch mit mit den Menschen. Sie freuen sich meist unglaublich.
Probiert den Flor de Caña (Rum) und den Tequila, geht mit Freunden weg und tanzt in lateinamerikanische Nächte! Erkundet die Welt und genießt das Chaos!
Ein Beitrag von Eva Bolza-Schünemann.
Dieser Bericht ist Teil einer Serie auf FakeGuru, die spannende Praktika vorstellt. Zuvor berichtete Lukas über sein Praktikum in Südafrika. Alle Berichte sind auch in der rechten Spalte unter dem Thema “Praktikum” zu finden.
Das oben verwendete Foto stammt vom Flickr-User rbreve. Auch der Boston Globe hat sehr beeindruckende Bilder des Staatsstreiches gesammelt.


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