Gefangen im Einbahnweb?



Nachdem ich mir die oben stehende (und sicherlich nicht unbedingt gelungenste) Folge des elektrischen Reporters angesehen habe, musste ich sofort an einen Artikel denken, den ich vor kurzem gelesen hatte: Tim O’Reillys “The War For the Web“. Ein Artikel, der in eine ganz ähnliche Kerbe wie der Videobeitrag schlägt und nicht weniger beunruhigend ist.

Nimmt man beide Beiträge ernst, dann steht uns tatsächlich bald ein erbitterter Kampf um ein freies Web ins digitale Haus, deren Verlierer schon heute fest stehen: Die Internetnutzer. Wir also.

Tim O’Reilly geht in seinem Text jedoch einen entscheidenden Schritt weiter als der elektrische Reporter. Denn seiner Meinung nach arbeitet nicht nur Apple oder Amazon an einem eigenen und damit kontrollierbarem “geschlossenen Web-System” sondern auch Facebook und andere “natürlichen Monopole” der Web 2.0-Ära, wie etwa Google oder eBay 1. Statt einem ‘Internet’ werden wir in Zukunft vielleicht in mehreren Einzelsystemen unterwegs sein, die zueinander nur bedingt kompatibel sind – immer soweit, wie es für die jeweilige Firma nützlich oder eben unschädlich ist. O’Reilly formuliert das so:

“It could be that everyone will figure out how to play nicely with each other, and we’ll see a continuation of the interoperable web model we’ve enjoyed for the past two decades. But I’m betting that things are going to get ugly. We’re heading into a war for control of the web. And in the end, it’s more than that, it’s a war against the web as an interoperable platform. Instead, we’re facing the prospect of Facebook as the platform, Apple as the platform, Google as the platform, Amazon as the platform, where big companies slug it out until one is king of the hill.”

Was den ganzen Prozess noch befeuern könnte, ist der von Jeremy Rifkin prophezeite Wechsel von Eigentum hin zu “Access” (der sich, wie hier schon an anderer Stelle dargelegt, u.a. in Diensten wie etwa Spotify manifestiert). Sobald ich zukünftig ‘Besitz’ aufgebe, kette ich mich zwangsläufig immer mehr an jenen Betreiber, über die ich mir stattdessen ‘Zugriff’ auf bestimmte Produkte verschaffe. Das gilt heute schon für unsere Handys, unsere Musik (Spotify) und vielleicht in nicht zu ferner Zukunft auch für unsere Autos und andere Waren.

Doch was tun, mit diesem Wissen? Während ich diesen Artikel schreibe, liegt neben mir ein iPhone und im Hintergrund dudelt Spotify vor sich hin. Siegt die Bequemlichkeit am Ende doch? Oder gibt es eine Grenze, ab der wir Einschränkungen nicht mehr einfach so hinnehmen? Sicher ist auf jeden Fall, dass wir die Entwicklung aufmerksam verfolgen müssen.

  1. “Natürlichen Monopole” deshalb, weil – so O’Reilly – Web 2.0-Anwendungen auf Grund von Netzwerkeffekten dazu tendieren, besser zu werden, je mehr Leute sie benutzen. So wird z.B. Facebook für mich als Einzelperson besser, je mehr (potentielle) Freunde sich dort anmelden
2. December 2009 | Ein Eintrag von Emu
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3 Comments zu "Gefangen im Einbahnweb?"


  1. Rene - 02/12/2009 um 3:22 pm

    Ich sehe die ganze Geschichte nicht so dramatisch. Im Video und auch bei O’Reilly wird eine dramatische Story aus Beobachtungen gestrickt, die erst einmal richtig sind. Wir können erkennen, dass die Property Rights Theorie immer wichtiger wird. Nicht mehr der Besitz steht für uns im Vordergrund, sondern das Recht der Nutzung. Grundbedürfnisse können zu geringen Preisen gedeckt werden. Die sozialen und psychischen Bedürfnisse steigen. Deswegen bleibt Werbung so wichtig, weil sie diese Werte mit schafft.

    Ich sehe nicht die Gefahr der Entwicklung neuer Gatekeeper, weil die Wechselkosten im Internet zu gering sind. In den letzten Jahren sind zusätzlich allem mit dem Internet zusammen hängenden Hardware/Software Kosten gesunken. Plattformen können deswegen viel schneller entstehen. Sehen wir uns die schnell Verbreitung neuer netzwerke an, ist das Problem der großen Portale eher die aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit.

    Itunes und Amzone mit dem Kindle sind andere Geschichten. Obwohl auch hier Mitbeweber die gleichen Produkte zum großen Teil anbieten können, schaffen Sie es die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dies spricht aber noch nicht für ein natürliches Monopol.

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  2. Emu - 02/12/2009 um 5:14 pm

    Sicherlich ist die Dramatik von O’Reilly und auch dem elektrischen Reporter teilweise übertrieben. Gerade weil – wie du zurecht feststellst – neue Portale und Plattformen relativ einfach entstehen können und so immer neue Konkurrenz und damit auch neue Ausweichmöglichkeiten zu den großen Anbietern auftauchen.

    Doch Menschen lieben auf der anderen Seite auch oft den einfachen, bequemen Weg. Ich habe auf meinem Rechner auch nicht Linux installiert, nur weil es mir mehr Freiheit bietet als etwa Windows oder MacOS. Das selbe gilt für mein iPhone: Es ist bisher nicht gejailbreaked weil ich dafür einfach zu faul bin und/oder die etwaigen Einschränkungen bisher noch nicht drastisch genug sind.

    Vermutlich ist es auch gut, in einigen wenigen Bereichen keine offenen Systeme zu haben. Aber dennoch scheinen sich insgesamt – und mehr möchte ich ja auch gar nicht sagen – die Tendenzen hin zu geschlossenen Systemen zu vermehren. Und das muss man eben kritisch beobachten und im Auge behalten.

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  3. Bastian - 02/12/2009 um 8:36 pm

    Guter Beitrag und sehr plausibel, wenn man sich mal den ganzen Hype um Netzwerke anschaut, der in den letzten Jahren entstanden ist.
    Ich merke es ja schon selber:
    Vor 2 Jahren noch bei StudiVZ aktiv gewesen, dann kommt Facebook auch in mein Blickfeld und nun wird StudiVZ höchstens noch einmal die Woche kurz gecheckt. Ende des Jahres werde ich mich wohl aus dem “StudiVZ System” verabschieden und mich gänzlich dem großen amerikanischen Bruder widmen. Aber auch hier siegt wieder der Bequemlichkeitsgedanke.

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