M.I.A is Back. – und das mit Karacho und Krawall in 9:06 Minuten.
Ein Schwenk über eine grau verhangene Stadt, Sendemasten, zwei gepanzerte Polizeiwägen voll mit von oben bis unten bewaffneten Militärs auf leeren Straßen. Irgendwo, irgendwann bei Sonnenaufgang. Der Sound bedroht dich schon nach der ersten Sekunden – so kündigt sich M.I.A’s neues Video zum Song “Born Free” an.
Ich fühle mich als Voyeur und beobachte minutiös, wie die Einheit brutalst in ein Wohnhaus einbricht, unschuldige Menschen nieder prügelt, Türen einschlägt, Wohnungen mit Gasbomben penetriert. Schreie, Marschschritte, Schläge. Wozu? Sie suchen den “Rothaarigen”, zerren ihn aus dem Haus, packen ihn in ihren Panzerwagen.
Noch mehr Rothaarige. Der Song im Hintergrund schreit mir vorwurfsvoll und aggressiv ins Ohr: “Born Free”. Die Bilder von Regisseur Romain Gravas halten mir das Gegenteil unter die Nase: “du Rothaariger – nicht!”
Was will M.I.A uns sagen?
(NSFW)
Es folgen zwei Minuten Erholung, für die Abtransportierten und für mich: die Busfahrt ins Nirgendwo. Stopp. Unbegründete, für mich unverständliche Aggression, Gewalt und Brutalität gegen die rothaarige Minderheit lassen meinen Atem stocken – was ab Minute fünf in Gravas/M.I.A.’s Video passiert sprengt – wortwörtlich – die Grenzen aller bisheriger Musikvideos.
Kopfschuss. Vermutlich war der Kleine nicht mal 14. Der Rest rennt um sein Leben! Eine grausame Treibjagd beginnt, Scharfschützen schießen, Bomben zerfetzten ihre Körper, amerikanische (!) Militärs prügeln einen Flüchtenden tot. Blackscreen. 9:06 Minuten. Ende.
Was will Sie uns sagen?
M.I.A kennen wir als politische Künstlerin, stammend aus Sri Lanka. Ihr Vater kämpfte bei den “Tamil Tigers” im Bürgerkrieg gegen die Regierung. Die Welt sieht zu, sie sieht nur zu und schaut weg. M.I.A ist eine der wenigen öffentlichen Stimmen, die uns anschreit und sagt, das ist Genozid, schaut hin! – bei einer Großoffensive der Regierungstruppen im letzten Jahr starben tausende aufständischen Rebellen in Sri Lanka, die Führungsspitze der Tamil Tigers wurde hingerichtet.
Die Rothaarigen stehen für jede verfolgte Minderheit – ein Beispiel, nur ein Beispiel – und die Militärs, stolz mit Amerika-Flagge auf der Uniform. Sie sollen mahnen: die USA sind der Maßstab der Moral, im Guten und im Schlechten, haben Macht. Greift ein. Egal wo, egal wann. Am Besten: Immer. Das will M.I.A. uns sagen.



Immer wenn ich das obige Video sehe, muss ich an Gravas Clip zu Justices “Stress” denken.
“Stress” war brutal, aber auf eine andere Art und Weise. Die wahllose Aggression der Jugendlichen war unverständlich, abstoßen und – ganz sicher auch Verdienst von Gravas wunderbarer Kameraarbeit – gleichsam faszinierend und fesselnd. Gerade diese Ambivalenz hat die Wirkung so stark gemacht.
Bei Gravas/M.I.A.s neustem Werk ist nichts mehr ambivalent; nichts mehr subversiv. Wie die hämmernden Beats von M.I.A. ist auch das Video ein ‘Schlag ins Gesicht’. Die Kamera hält wieder voll drauf, die Schnitte sind immer noch rasant, doch wie du sagst, die Gewalt ‘lässt den Atem stocken’ und ist gänzlich abstoßend. Dafür sorgen auch die vielen Zitate an bisher geschehen Schreckenstaten.
Die Wirkung ist ähnlich wie bei “Stress”, doch sie verliert meiner Meinung ein an Wirkung, weil hier alles zu offensichtlich ist. Aber es passt auf jeden Fall zu dem, was M.I.A. erreichen/ sagen möchte:
“M.I.A ist eine der wenigen öffentlichen Stimmen, die uns anschreit und sagt, das ist Genozid, schaut hin!”